Gemeinsames Leitbild der deutschen Waldorfschulen

Am 25.Oktober 2009 ist das folgende Leitbild auf der Mitgliederversammlung des Bundes der Freien Waldorfschulen in Stuttgart verabschiedet worden.
  • Waldorfschulen begreifen ihren Erziehungs- und Bildungsauf­trag im Respekt vor der Würde des Kindes und in Wertschätzung menschlicher und kultureller Vielfalt als gemeinsame Verantwor­tung von Eltern, Lehrern und Erziehern* für die gesunde, individu­elle Entwicklung der Schüler. Die pädagogischen Impulse Rudolf Steiners bilden die Grundlage der Gestaltung des Unterrichts. Didaktik und Methodik basieren auf der anthroposophischen Menschenkunde und Erziehungskunst.
  • Waldorfschulen sind Teil des öffentlichen Bildungswesens. Sie beteiligen sich an aktuellen bildungspolitischen Diskussionen und am erziehungswissenschaftlichen Diskurs. Sie treten für Freiheit und Vielfalt im Bildungswesen ein.
  • Die Waldorfschule steht allen Kindern und Jugendlichen offen, unabhängig von Nationalität, Religionszugehörigkeit, sozialer Herkunft und Finanzkraft der Eltern. Sie achtet die kulturellen Hintergründe der Schüler, erzieht zu weltanschaulicher sowie reli­giöser Offenheit und veranlagt verantwortungsbewusstes Handeln gegenüber Natur und Gesellschaft.
  • Die Waldorfpädagogik gründet sich auf die Beobachtung und das Verstehen der Entwicklung des Kindes und Jugendlichen. Durch ihre besondere, entwicklungsorientierte Pädagogik fördert die Waldorfschule die Schüler nach ihren individuellen Möglich­keiten, sodass sie ihre Fähigkeiten im Sinne einer Selbsterziehung zunehmend auch selbst ausbilden und ihre Anlagen voll entfalten können.
  • Da sich Didaktik und Methodik auf das Lebensalter und die Ent­wicklungsbedürfnisse der Schüler beziehen, werden Mädchen und Jungen gemeinsam in altershomogenen Jahrgangsklassen unter­richtet. Der Unterricht ist ganzheitlich: Eine wissenschaftliche Grundhaltung, die künstlerische Gestaltung und spirituelle Offen­heit sind wesentliche Elemente in allem Unterricht. Kognitive, künst­lerische und praktische Lernfelder sind gleich gewichtet. In den naturwissenschaftlichen Fächern kommt der Betrachtung der Phänomene eine besondere Bedeutung zu. Fremdsprachen werden ab der ersten Klasse unterrichtet. Es gibt waldorfspezifische Fächer (wie z.B. Eurythmie) sowie eigene Förderangebote, je nach Entwick­lungsstand, Leistungsfähigkeit und Begabung. Werteorientierung, die Ausbildung sozialer Fähigkeiten und die Stärkung der Eigen-Verantwortlichkeit sind wichtige Erziehungs- und Unterrichtsziele.
  •  Die intensive Begegnung von Eltern, Lehrern und Schülern hat eine besondere Bedeutung für den Erziehungs- und Bildungsprozess. Die personelle Kontinuität als ein wichtiges Erziehungsprinzip wird ver­wirklicht unter anderem durch den täglichen Unterricht desselben Klassenlehrers über viele Jahre, durch feste Bezugspersonen über längere Zeiten sowie durch eine stabile Klassengemeinschaft. Ein gesundes Lernklima wird durch konzentriertes Arbeiten in Epochen sowie rhythmische Gliederung des Unterrichts ermöglicht.
  • Der Unterricht orientiert sich an den vom Bund der Freien Waldorf­schulen veröffentlichten Rahmenlehrplänen und Kompetenzbeschrei­bungen, die durch Forschung und Praxis evaluiert und weiterent­wickelt werden. Die Waldorfschule bereitet ihre Schüler auf einen eigenen Waldorfabschluss sowie auf staatliche bzw. staatlich aner­kannte Schulabschlüsse vor.
  • Für die Lehrer gibt es eine spezielle Ausbildung in Waldorfpädago­gik. In der kreativen Ausgestaltung des Unterrichts sind sie frei; sie machen ihre Arbeit transparent und verantworten sie vor Kollegium und Eltern. Die Unterrichtsqualität wird evaluiert. Eine permanente Fortbildung ist Teil der pädagogischen Arbeit. In verschiedenen Modellprojekten werden die Methoden, die Schulstruktur und die Qua­lität der Waldorfschulen weiterentwickelt.
  • Waldorfschulen sind wirtschaftlich und rechtlich eigenständig. Das Engagement und die Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern sind die Grundlage der gemeinsamen pädagogischen und wirtschaftlichen Trägerschaft einer Waldorfschule. Organisation, Leitung und Verwal­tung der Schule werden von Lehrern und Eltern nach den sozialen Impulsen der Anthroposophie selbst gestaltet. Die Lehrer beteiligen sich an der kollegialen Selbstverwaltung der Schulen. Die Verantwort­lichkeit für Prozesse und Entscheidungen ist klar definiert und trans­parent.
  • Im Sinne ihres ganzheitlichen Erziehungs- und Bildungsansatzes arbeiten die Waldorfschulen mit Waldorfkindergärten zusammen.
  • Die Waldorfschulen verpflichten sich in gegenseitiger Verantwor­tung zur regionalen und nationalen Zusammenarbeit im Bund der Freien Waldorfschulen. Darüber hinaus arbeiten sie europa- und welt­weit zusammen.