Die Jugendsymposien in Kassel- ein Teilnehmerbericht

Die Jugendsymposien in Kassel- ein Teilnehmerbericht

Mit 17 Jahren war ich auf dem ersten Jugendsymposion Kassel dabei und habe seit dem, außer einer Ausnahme, an jeder der halbjährigen Veranstaltungen teilgenommen. Heute bin ich 19 und fast mit der Schule fertig. Sollte ich sagen, was mich in der Zeit der Oberstufe auf dem Weg, nicht nur zu Schulabschlüssen sondern auch zum Erwachsenenalter, am meisten geprägt hat, wäre Kassel wahrscheinlich an einer der ersten Stellen. Alles fing im Winter 2009 an, als ich als eine engagierte und relativ gute Schülerin mit drei weiteren Schulkameradinnen zu einem Jugendsymposion eingeladen wurde. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich weder, was mich dort erwartet noch, dass ein Symposion eigentlich eine abendliche Zusammenkunft zu gesellschaftlichen Zwecken und dem Austausch von philosophischen Themen ist und heute als Begriff einer Zusammenkunft zu wissenschaftlichen und philosophischen Zwecken dient. Und doch hat es meine Neugier geweckt. Das Thema war Wirklichkeit und nur mit Block und Stift bewaffnet sowie einer großen Portion Neugierde fand ich mich vom 10. bis zum 13. Dezember 2009 in einer großen Masse Waldorfschüler aus ganz Deutschland wieder, denen es allen ähnlich ging. In Vorträgen, Seminaren, Trainingskursen und Nachtcafés setzten wir uns, nicht nur mit dem vorgegebenen Thema auseinander. So überlegten wir, ob die Wirklichkeit durch das Objekt oder das Subjekt geprägt sei und kamen zu dem Schluss, dass wir uns die Welt machen und nichts über sie wissen. Der Atomkernphysiker und Träger des alternativen Nobelpreis und als Mitglied der wissenschafts- und forschungskritischen internationalen Gruppe Pugwash auch Friedensnobelpreisträger, Prof. Dr. Hans-Peter Dürr führte uns nicht nur vor, dass unsere Sprache keine Sprache der Wirklichkeit sondern eine zur Vereinfachung der Wirklichkeit ist, sondern appelierte auch daran, dass wir unseren Verstand mit unserem Glauben vereinen und so zu„lernen auf eine neue Weise zu denken“ (Mitschrift in dem Vortrag 'Neues Denken für eine Welt im Umbruch'). Neben solchen hoch philosophisch und auch wissenschaftlichen Fragen beschäftigten wir uns auch mit konkreteren, alltagsbezogenen Beispielen, wie in dem Vortrag über Arbeit und Einkommen von Prof. Götz Werner, der uns vorführte, warum es nicht so einfach zu beurteilen sollte, wie viel eine Mensch verdient, wie es unsere Gesellschaft tut. Hierzu sagte er: „Der einzige vernünftige Mensch, den ich kenne ist meine Schneider. Denn jedes Mal, wenn wir uns sehen nimmt er neu Maße.“ denn die Werte einer Gesellschaft verändern sich oft viel schneller als ihre Denkmuster. Besonders interessant für viele Eurythmie nur unwillig ausführende Schüler war auch der Vortrag 'Notfall-Pädagogik: Pädagogische Akuthilfe in Krisengebieten', in dem Bernd Ruf von der Arbeit mit traumatisierten Kindern im Gasastreifen berichtete, denen durch die Zuwendung der Therapeuten sowie den sensible Einsatz von Eurythmie das Leben mit den traumatischen Erfahrungen eines Krieges geholfen wird. Und vielleicht kam ich am Ende vieler Vorträge zu dem gleichen Thema zu einer eigenen Lebenseinstellung, da ich verstand, dass ich von meinem Denken weiß, dass ich denke und dass ich es bin, die denkt und dass ich mehr als das was ich denke und fühle nicht von der Wirklichkeit erfahren kann. Zwischen den Vorträgen erarbeitete ich in meinem Seminar zur Wirkung von Musik Erkenntnisse über die sensationelle Wirkung von Filmmusik auf unsere Gefühle und somit die Möglichkeit der Manipulation der wahrzunehmenden Wirklichkeit durch Medien wie Musik und in meinem Trainingskurs konnte ich mich völlig entspannt und nur auf meine Intuitionen vertrauend der Interpretation eines englischen Gedichtes ohne, beim lesen, erkennbaren Sinn hingeben. Das erste Jugendsymposion war eine ganz besondere Veranstaltung, die nicht nur meine Einstellung zur Welt verändert hat, sondern auch ein besonderes Gemeinschaftsgefühl heraufbeschworen hat, das bis heute nicht verloren gegangen ist. Man konnte sich mit jedem unterhalten und es diskutierte jeder mit jedem und jede Meinung wurde zwar hinterfragt aber auch akzeptiert. Und so möchte ich noch zwei Zitate aus einem Vortrag anführen: „Das Unwahrscheinliche passiert nicht unwahrscheinlich.“ (Prof. Dr. Hans-Peter Dürr) „In Zukunft passiert das Wahrscheinliche wahrscheinlicher.“ (Prof. Dr. Hans-Peter Dürr) So war es dann auch. Ich durfte immer wieder kehren zu einer Veranstaltung, die schon in ihren Kinderschuhen mein Leben geprägt hatte. Zwar konnte ich bei dem Thema Geld nicht dabei sein, doch im folgenden Winter besuchte ich Kassel zum zweiten Mal in meinem Leben um mich mit Bewusstsein auseinandezusetzten. Hier bewegten uns nicht nur die Fragen, wie es eigentlich ist, ein Ich zu sein und wie man sich selber wahrnimmt, sondern beschäftigten uns wiederum auch mit konkreten Beispielen aus dem Leben, die das Bewusstsein betrafen. Die Schauspielerin Alissa Jung lenkte unseren Fokus auf soziales Bewusstsein und erzählte eindrucksvoll von ihrer Arbeit als Gründerin der Organisation „Schulen für Haiti“ und wie wichtig es ist, dass uns bewusst wird, dass Helfen sehr wichtig ist in unserer Gesellschaft. Dr. Walter Osika, Facharzt für Innere Medizin und Stressforscher an der Universität Stockholm eröffnete uns, wie Stress funktioniert und wie man mit ihm umgehen kann und sprach die Meditation als Bewusstseinserweiternde Methode zur Stressbewältigung an. Hier war nicht nur interessant, dass durch kleine, oft nur 10 Minuten täglich einnehmende Übungen der Ruhe, der Stresspegel erheblich gesengt werden konnte, sondern auch, dass Dr. Walter Osika überzeugt von einer übermenschlichen Ebene war, in der sich die meditierenden Geister treffen könnten. Am meisten beeindruckte mich jedoch die Möglichkeit, vorgestellt von Neurochirurg Univ.-Prof. Dr. Volker Sturm, dass man das menschliche Gehirn durch Strom so weit manipulieren kann, dass es, ansonsten in einem lebensunwürdigem Zustand dämmernden Menschen, möglich ist aus ihren Leiden aufzustehen um ein halbwegs annehmbares Leben zu führen und die Tiefen der menschlichen Psyche, in die uns ein Psychologe, der mit den „harten“ Fällen unter den Kindern arbeitet, in meinem Seminar einführte. Und wieder haben mich die Themen nicht nur beeindruckt sondern interessante neue Blickwinkel auf mein eigenes Leben eröffnet und dieses somit bereichert. Als nächstes, ein halbes Jahr später konnte ich das erste Mal die Stadt im Sommer genießen und unter anderem an einem Stadtfest teilnehmen und zum Schloss auf den Berg steigen um mir die nächtliche Stadt von oben anzugucken (am Tag war ich in Vorträgen und bei meinem Seminar) lernte ich ein sehr beeindruckende Persönlichkeit kennen, die mir viel mitgegeben hat: Die legendäre Baumfrau Julia Butterfly Hill erzählte nicht nur von ihrem bewundernswerten, zweijährigen Aufenthalt in einem Baum und den Grenzerfahrungen, die sie in Begegnungen mit anderen Menschen oder dem drohenden Tod gemacht hatte, sondern gab sich auch alle Mühe uns ihre Gefühle zu übermitteln und uns selber zu helfen unsere eigene Energiequelle erreichbar zu machen, denn das Thema war nicht nur Energie im Bezug auf moderne Themen wie Atomkraft oder der zu der Zeit gerade ganz aktuellen Katastrophe von Fukuschima sondern auch im Bezug auf uns selber. Jedoch spielte natürlich das Energieproblem unserer Zeit eine übergeordnete Rolle. Ich kann nicht sagen, dass wir in den Gesprächen und Vorträgen eine grundlegende Problemlösung gefunden haben, doch habe ich verstehen gelernt, wie die Energieversorgung funktioniert, was sich ändern könnte, wenn alle an einem Strang ziehen und was in Fukuschima physikalisch abgelaufen ist. Und wir konnten Mut schöpfen. Nicht nur im Bezug au Methoden der Energiegewinnung, die umgesetzt werden können sondern auch im Bezug auf uns, die wir etwas ändern müssen und dazu die Kraft und die Energie aufbringen müssen. Hierzu ein paar Zitate aus den verschiedenen Vorträgen: „Die Alternative zum Krieg um Öl ist Frieden mit der Sonne.“ (Franz Alt) „I co-create my world 100% of the time, I CAN change the world around me.“ (Julia Butterfly Hill) „Ich kann Ihnen Zahlen, Daten und Fakten liefern. Aber jede/r Einzelne/r von Ihnen muss sich eine Meinung über Atomenergie bilden. Ich kann Ihnen das nicht abnehmen.“ (Christoph Pistner) „Die Menschen sind viel besser als wir meinen.“ (Gerald Häfner) Und zum Ende erinnerte Julia Butterfly Hill uns daran, hätte sie gewusst, sie würde 2 Jahre auf dem Baum bleiben als sie das erste Mal hinaufkletterte ohne den Boden zu berühren, dann hätte sie es nicht gemacht und das für jeden von uns ein ganz persönlicher Baum in der Welt steht. Noch völlig erfüllt von den Begegnungen mit den, diesmal zahlreich erschienenen, bekannten Personen des öffentlichen Lebens, arbeitete ich schließlich an dem Bewerbungsessay für das nächste Jugendsymposion, was bei jedem Mal die Aufnahmebedingung war. Ästhetik war das komplexe Thema und keiner wusste so richtig, was er sich jetzt darunter vorstellen sollte. War es Schönheit? Harmonie? Wahrnehmung? War es in der Kunst zu finden oder in der Architektur? Ich habe keine Antwort auf diese Fragen gefunden, aber ich habe vieles aus den vorherigen Jugendsymposion zu einem Thema vereint gesehen. Es ging darum, was wir wahrnehmen und wann wir das, was wir wahrnehmen ästhetisch nennen. Wir beschäftigten uns mit einem neuen Musikstück, was mir erst wie eine schlechte Improvisation vorkam und dessen musikalische Genialität und Ästhetik ich erst nach einer Intensiver Beschäftigung unter der Anleitung von Prof. Elmar Lampson klar wurde und das mich am Ende der eineinhalb Stunden sogar berührte. Und ich verstand: „Musik klingt wie die Entstehung eines Gedanken.“ (Aus dem Vortrag von Prof. Elmar Lampson) Wir wurden in die radikal philosophische Richtung der Phänomenologie eingeführt und uns mit dem provokanten Gedanken auseinandersetzten, dass unsere Wahrnehmung kein Interpretationsprodukt ist, sondern dass dies nur ein Modell zur Erklärung der Wahrnehmung ist, das man in keinem Fall für vollkommen wahr akzeptieren sollte. Und dass es eigentlich sinnvoller sei, sich mit der Tatsache zu beschäftigen, dass wir wahrnehmen und was das mit uns macht, denn wir kriegen keine Pause von der Wahrnehmung, was Prof. Dr. Lambert Wiesing als „Anwesenheitszumutung“ bezeichnete und in Frage stellte, ob wir wirklich alt werden und das wahrnehmen oder ob wir nur in einer alternden Welt leben, weil wir es so wahrnehmen. Immer müssen wir an der Welt partizipieren und doch gibt es auch davon Pausen. Der Schlaf, die Bewusstlosigkeit, die Meditation, möglicherweise Drogen und Bilder, die eine Welt sind, die wir nicht verändern können. In meinem Seminar beschäftigten wir uns mit drei Autoren und einigen ihrer Texte und versuchten, nicht wie im Deutschunterricht zu analysieren sondern den Persönlichkeiten, den Individuen der Schriftsteller zu begegnen und ließen uns auf ganz besondere Weise von Franz Kafka, Georg Trakl und Else Lasker-Schüler berühren. Der Höhepunkt war bestimmt der Besuch einer modernen Inszenierung von Mozarts Oper „Die Zauberflöte“, die verdeutlichte, dass das Verständnis von Ästhetik, Schönheit und sinnvoller Interpretation doch sehr subjektiv ist. Im Moment überlege ich, wie ich das Thema zu meinem nächsten Bewerbungsessay umsetzten soll. Eine kreative, auch auf Selbsterfahrungen basierende Beschäftigung mit „Spurensuche“– Orte des kulturellen Gedächtnisses. Denn ich möchte zurückkehren zu den Symposien, so oft ich kann, denn sie geben mir jedes Mal sehr viel, was mein Leben bereichert und meinen Horizont spielerisch leicht um Meilen erweitert. Ich möchte allen danken, die mir diese Veranstaltungsreihe ermöglichen: Den Veranstaltern der Freien Waldorfschule Kassel Meiner eigenen Schule in Münster, die mich zuerst dorthin schickte Allen Teilnehmern der Jugendsymposien in Kassel, die die Veranstaltungen zu dem machen, was sie sind und mir viele schöne, menschliche und prägende Begegnungen schenkten Ich danke euch! Albrun Roy