Die Oberuferer Weihnachtspiele
Diese "Weihnachtspiele aus altem Volkstum"
Durch seinen Hochschullehrer und Sprachforscher Karl Julius Schroer war Rudolf Steiner auf diese Spiele aufmerksam geworden. Auf seine Anregung hin wurden sie in den neu entstehenden Waldorfschulen aufgeführt als „Weihnachtsgeschenk der Lehrer an die Schüler".
Von 1945 an und bis hinein in die 80er Jahre war es an allen Waldorfschulen ein fester Bestandteil im Jahreskreis, dass alle drei Spiele für die Schüler aufgeführt wurden:
- Ab der ersten Klasse das Christgeburt-Spiel,
- das Paradeis-Spiel für die Schüler ab der dritten Klasse,
- das Dreikönig-Spiel für die Schüler ab der fünften bis sechsten Klasse.
Für jeden Waldorfschüler aus dieser Zeit ein kostbarer Schatz, den alle immer wieder neu erlebten, je nach Alter mit Andacht, Nachdenklichkeit und auch Distanz, und den man nach dreizehn Jahren auswendig beherrschte.
Auch in anderen anthroposophischen Einrichtungen wie der sozialtherapeutischen Camphill-Dorfgemeinschaft Sellen bei Steinfurt, erfreuen sich diese Spiele großer Wertschätzung. Hier wird seit einigen Jahren regelmäßig das Christgeburtspiel aufgeführt, welches dort inzwischen zum unverzichtbaren Bestandteil des Dorflebens gehört.
Allerdings scheinen die Einrichtungen zunehmend damit überfordert, den gesamten Spielezyklus zur Aufführung zu bringen. So hat sich vor einigen Jahren aus Vertretern anthroposophischer Institutionen und Waldorfeltern eine Initiative entwickelt, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Dreikönigsspiel regelmäßig zur Aufführung zu bringen. Die Freunde der Oberuferer Spiele sind der Überzeugung, dass diese Spiele wegen der Tiefgründigkeit ihrer inhaltlichen Aussagen und ihrer durch die volkstümliche Überlieferung gewährleistete unmittelbar das Gemüt ansprechenden Aussagekraft auch weiterhin für eine möglichst große Öffentlichkeit belebt und erhalten bleiben sollten. - Sämtliche Aufführungen sind (ihrem Ursprung entsprechend) von Laien erarbeitet und öffentlich. Jeder, der interessiert ist, ist herzlich eingeladen. Insbesondere die Münsteraner Dreikönigskumpanei freut sich auch über jeden, der Mitglied der Kumpanei werden möchte.
Das Paradeis-Spiel
hat zum Inhalt „die Vertreibung aus dem Paradiese" nach der Schilderung des ersten Buches der Bibel, der Schöpfungsgeschichte. Damit wird der große Themenkreis der Spiele eröffnet. Es geht um „Sündenfall" und „Erlösung", die christlichen Zentralfragen unserer menschlichen Existenz.
Das Spiel endet in einer dramatischen Szene: Das erste Menschenpaar wird in Ketten geschlagen und vom listigen Teufel vor Gott als Richter geführt.
Das Christgeburt-Spiel
hat zum Inhalt die Geburt des Jesuskindes nach der Schilderung des Lukas-Evangeliums. Der ursprüngliche Paradieseszustand hat sich umgewandelt: Die Natur zeigt sich von ihrer „kalten" Seite, gegen die Maria und Joseph wie auch die Hirten auf dem Feld anzukämpfen haben. Die Geburt des Erlösers, des „Königs der Könige" vollzieht sich unter extrem ärmlichen Verhältnissen. Aus den geistigen Höhen verkündet der Engel Gabriel „allen Völkern auf Erdenreich" das bevorstehende Ereignis, doch anstelle der Menschheit vernehmen diesen Ruf allein die drei Hirten Gallus, Stichl und Wittok in einem träumenden Seelenzustand, während die drei Wirtsleute als Repräsentanten der übrigen Menschheit von dem Ereignis der Geburt des Erlösers gänzlich unberührt bleiben.
Trotz erschütternder Dramatik wird der Zuschauer in der durchaus hoffnungsvollen Seelenstimmung entlassen, dass die natürlichen, unverfälschten Herzenskräfte des Menschen einen Anteil haben an dem Erlösungsgeschehen, von welchem Gallus, noch ganz überwältigt von der Begegnung im Stall, sagt, dass es „übertrifft allen Menschenverstand".
Das Dreikönig-Spiel
leitet über vom „Hirten-Evangelium" des Lukas zum „Königs-Evangelium" des Matthäus. Die Grundstimmung des Spieles steht in einem gewaltigen Kontrast vor allem zum vorangegangenen Hirtenspiel. Die Gegensätzlichkeit des Seelenzustandes der Menschheit findet eine absolute Zuspitzung in dem Aufeinandertreffen der drei „leuchtenden" Königsgestalten Melchior, Balthasar und Caspar mit der dunklen Königsgestalt des Herodes. Der Blick wird nicht nur hingelenkt auf innerliche menschliche Seelenstimmungen, sondern zugleich wird die Geburt des „königlichen Messias" zum Blickpunkt politischer Ereignisse. Es treffen königliche Vertreter völlig verschiedenartiger Seelenkonfigurationen aufeinander. Die Weisen aus dem Morgenland sind Repräsentanten eines Menschheitsbewusstseins, welches noch aus der makrokosmischen Sternenschrift die Weisungen der Götter herauslesen und sich daran orientieren konnte. Waren es im Christgeburtspiel die drei Hirten, so sind es hier allein die drei Könige, welche auf der Grundlage ihrer noch geistig gelenkten Wahrnehmungsfähigkeit (dem „Stern") zu dem für die ganze Menschheit so bedeutenden Ereignis der Geburt des königlichen Messias hingeführt werden, während die politisch eigentlich zuständigen Vertreter (König Herodes und die Repräsentanten des Judentums) bereits in ihrer eigenen Vorstellungswelt so stark „fixiert" sind, dass sie nicht mehr wahrnehmen, was sich in ihrer unmittelbaren Umgebung abspielt.
Das Urgeschehen des Paradeisspiels findet im Dreikönigsspiel eine historisch-dramatische Zuspitzung: Das in Ketten geschlagene Menschenpaar erscheint metamorphosiert in der Gestalt des an seinen „Stuhl" gefesselten Herodes und seinem hilf- und orientierungslos herumhantierenden Lakaien. Der Teufel feiert einen gesteigerten Triumph, indem er diese Menschen als Medium benutzt, um der Geburt des göttlichen Messias den teuflischen Plan des Kindermordes entgegenzustellen.
Klang uns als ein Grundton im Hirtenspiel noch das Vertrauen auf die natürlichen Herzens- und Seelenkräfte im Menschen entgegen, so ist der Grundton des Dreikönigsspiels streng und ernst. Er besteht in einem Zuspruch, der zugleich eine dringliche Aufforderung beinhaltet, welche bereits im Alten Testament ausgesprochen wird, dort vom Gott Jahve an sein Volk Israel: „Ihr sollt sein ein Volk von Priestern und Königen". Es geht um das heilige Königtum, das in dem „Ich" eines jeden Menschen veranlagt ist, aber erst durch die Bewusstseinstrübungen und Verirrungen seiner Erdenschicksale heranreifen und lernen muss, sich selber zu ergreifen.
So blickt das Dreikönigsspiel vom Weihnachtsgeschehen aus weit in die Menschheitszukunft. Im Jahreskreis bildet es den Abschluss der Weihnachtszeit und den christlichen Auftakt für das bevorstehende neue Jahr, welches eine neue Stufe ist des Schicksalsweges der allgemeinen Menschheit sowie des einzelnen Menschen.
Beachten Sie bitte:
Das Dreikönig-Spiel ist nur bedingt geeignet für Kinder unter 10 Jahren!
Presseecho zum Dreikönig-Spiel 2009
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Reise in die Vergangenheit
WN vom 07.01.2009




